Wetterscheide – gibt es so etwas? Ist das Mythos?


Eine „Wetterscheide“ ist ein Begriff, den es schon sehr lange gibt. Vielleicht haben Sie auch schon gehört, dass die Gewitter immer „auf der anderen Seite der Elbe (des Rheins, der Saale, der Donau) bleiben. Der Duden definiert eine Wetterscheide so:

Gebiet, besonders Gebirge, Gewässer, das die Grenze zwischen Zonen verschiedenartigen Wetters bildet

 

Ein Teil dieser Definition ist mir dabei besonders wichtig: Eine Wetterscheide bildet (aktiv !) die Grenze zwischen den verschiedenen Regionen. Es gibt hierfür sehr beeindruckende Beispiele, und sie sind immer dann beeindruckend, wenn es um hohe Gebirge geht, in unserem Fall um die Alpen. Hier ein Beispiel vom 2. Februar 2006, das mit dem hochaufgelösten Satelliten TERRA der NASA aufgenommen wurde:

Alpen als Wetterscheide: Nördlich Nebel und Hochnebel (hellgrau), südlich Sonne. In hellem Weiß erkennt man die Schneeflächen. Quelle: NASA Visisble Earth
Alpen als Wetterscheide: Nördlich Nebel und Hochnebel (hellgrau), südlich Sonne. In hellem Weiß erkennt man die Schneeflächen. Quelle: NASA Visisble Earth

Die Alpen können für Mitteleuropa aber noch viel mehr. Vielleicht ist Ihnen schon mal der Begriff Genua-Tief untergekommen. Falls nicht, haben Sie vielleicht schon mal drin gestanden. Also nicht im Genuatief, sondern im Ergebnis davon: Viele Oder- und Elbehochwasser haben nämlich an den Alpen ihre Ursache, wenn kalte Luft von Norden her über Mitteleuropa herfällt.

Die Luft strömt dann westlich an den Alpen vorbei und trifft im Golf von Genua auf noch schöne mild-feuchte Mittelmeerluft. Dadurch können kräftige Tiefs entstehen, und die Alpen zwingen diese Tiefs zunächst über Italien hinweg und dann um die Ostalpen herum nach Norden. Diese Vb (sprich: „fünf B“) genannte Zugbahn bringt dann dem Osten Deutschlands häufig pladdernden Regen über Tage hinweg oder auch Schneemassen, je nach Temperatur. Ein prominentes Beispiel ist das katastrophale Oderhochwasser vom Juli 1997. Damals fielen bis zu 300 Liter pro Quadratmeter Regen  in nur vier Tagen in den Ostkarpaten, also knapp eine Halbjahresmenge! Und diese ganze Wassermasse sorgte dann für neue Rekord-Hochwassermarken an der Oder. Hier ein paar Eindrücke und eine Bootsfahrt auf dem Ziltendorfer See:

Andere weltweite Beispiele für Gebirge als Wetterscheide sind die Anden, der Himalaya. In Deutschland spielt auch der Schwarzwald eine große Rolle, meist fällt an seiner Westseite Richtung Rheintal deutlich mehr Niederschlag als östlich hiervon. Für Mecklenburg-Vorpommern oder Norddeutschland allgemein spielen die Skandinavischen Gebirge eine große Rolle. Nicht, weil die Laster einer bekannten Möbelfirma ihre Schwierigkeiten mit ihnen hätten. Nein, den Grund erkläre ich Ihnen weiter unten.

Kann ein Fluss oder ein größeres Gewässer, wie beispielsweise die Müritz, das Wetter beeinflussen? (Gewitter ziehen nicht über die Müritz. Gewitter teilen sich an der Müritz usw.)

Vielleicht glauben Sie den Unsinn selbst. „Drüben, auf der anderen Seite der Müritz (Elbe, Saar, Oder, Isar, Ötteldöttelbach in Kleinkleckersdorf) ziehen immer die Gewitter lang, und die kommen dann nicht rüber. Habe ich schon oft erlebt!“ – Ja! Das haben Sie schon oft erlebt. Aber wissen Sie was? Sie haben es auch schon genauso oft nicht erlebt! Denn dass Flüsse Gewitter beeinflussen könnten, ist ein nicht aus den Köpfen zu bekommener Unsinn! Sie heben skeptisch Ihre Augenbrauen? Schütteln den Kopf und glauben es nicht? Verständlich, wenn schon Opa und Großtante davon überzeugt waren. Aber bleiben wir bei den Fakten:

Die Unterseite einer Gewitterwolke liegt selbst bei sehr feuchter Luft bei 2.000 bis 3.000 Metern höhe und wächst dann weit in die Höhe, oft bis zu 12 km Höhe. (Dort liegt die Tropopause, die Obergrenze unserer Troposphäre, in der sich der Großteil unseres Wetters abspielt.) Und jetzt ein bisschen Mathematik. Nichts Schlimmes, keine Sorge:

Wie viel wiegt eine durchschnittliche Gewitterwolke?

typischer Wassergehalt:   5 g/m3

typische Abmessungen: 10 x 10 km

Volumen: 100 Mio. m3

» Gewicht: (5 x 100 Mio.) g = 500 Mio. g = 500 Tonnen

 

Turbine Blade Convoy passing through Edenfield
Mussten einen Umweg über Edenfield, Großbritannien, nehmen, da sie nicht über die Müritz kamen: Turbinenkonvoi. (Paul Anderson, Turbine Blade Convoy Passing through Edenfield, CC BY-SA 2.0)

Denken Sie nach! Es zieht ein Konvoi von gut 12 großen LKW über eine gedachte 2 km hohe Brücke, angeschoben von einem Höhenwind von oft um die 60, 70 km/h (oft auch mehr). Glauben Sie jetzt, dass eine Müritz oder ein See, selbst wenn er groß ist, diesen Konvoi dazu zwingen kann, anzuhalten? Dann mache ich mir ernsthaft Sorgen um Sie. Nein, es ist ganz einfach:

Wer glaubt, dass ein Fluß oder ein großer See ein Gewitter aufhalten kann, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Flüsse können schon das Wetter beeinflussen, aber nur in einer deutlich kleineren Größenordnung. Dazu mehr im nächsten Kapitel.

Welche geografischen Besonderheiten braucht es, um Wetter direkt zu beeinflussen?

Jetzt sind Sie, lieber Leser, bis hierhin den Weg mitgegangen. Sie sehen mich hocherfreut! Und vielleicht macht es auch Sie glücklich, dass wir in den folgenden Kapiteln nur noch die umherliegenden bunten Wissensknäule aufsammeln und zu einem flauschigen Wetterwissenspullover zusammenklöppeln müssen. Denn die folgenden Fragen erklären sich aus dem oben Gesagten von selbst. Es ist aber für den Überblick hilfreich, sie dennoch durchzugehen.

Grundsätzlich gilt: Damit die Geografie das Wetter beeinflussen kann, muss sie groß genug sein. Das gilt vor allem für die Höhe, denn das Wetter wird vor allem dort angetrieben, wo wir mit den Händen selbst auf Zehenspitzen nicht mehr hinkommen. Dementsprechend gelten Gebirge als Wetterscheide Nummer Eins, und darum auch als die einzige, die großräumig das Wetter scheiden kann.

Dass Gewitter sich wegen großer Flüsse oder Seen aufteilen oder ihre Existenz aufgeben, ist schlicht und einfach Humbug. Allerdings beeinflussen diese Gewässer das Wetter, vor allem bei ruhigen Hochdrucklagen. So bildet sich zum Beispiel im Umfeld der Müritz im Winter häufiger Nebel oder es kommt schneller zu Reifglätte auf den Straßen. Wenn es in den Oktober geht, sollten Sie zuerst auf Brücken über Gewässer aufpassen. Denn hier kommt es zu den ersten „Glätteinseln“.

Meere wie die Nord- und Ostsee sind dagegen groß genug, um einen fühlbaren Einfluss auch auf Schauer und Gewitter auszuüben. Das liegt an dem Temperaturunterschied zwischen Wasser- und Landflächen und den Seewindsystemen. Alles zusammen sorgt dafür, dass zum Beispiel im Sommer in Küstennähe häufig (nicht immer!) weniger Schauer oder Gewitter entstehen als weiter im Landesinneren. Im Winter kann es umgekehrt sein: Dann kann der Snow Lake Effect dafür sorgen, dass Striche in die Landschaft gezogen werden, in denen dann zig Zentimeter Neuschnee  liegen. Nur gibt es hier keine klare Grenze, wie wir Menschen sie ja so gerne haben, sondern sie verliert sich gewissermaßen mit der Entfernung zum Meer. Je nach Bedingungen (Wind, Temperaturunterschiede, etc.) mehr oder weniger.

Warum wird immer wieder behauptet, im Ort X ist eine Wetterscheide?

Nehmen wir mal an, Ihr Nachbar hätte recht. Er wohnt in Neustrelitz, östlich der Müritz, und ist fest davon überzeugt, dass der See die Gewitter ablenkt und dass „die da in Röbel“ (auf der Westseite des Ufers) „immer untergehen“, während bei ihm „kein Tropfen runterkommt“. Es ist dabei egal, ob Sie die Orte nun kennen oder nicht, Sie können das in jeder Region, jedem Bundesland hören.

Kommen wir jetzt zu etwas Unangenehmem für derartige Behauptungen: den Faktencheck. Der wird ja auch in anderen Bereichen des Lebens gerne ignoriert, um seine eigene Individualität gegenüber den Anderen behaupten zu können. Aber ich will nicht abschweifen: Wenn dieser Nachbar also recht hätte, dann müsste man so etwas ja anhand von Niederschlagssummen sehen  können. Dann dürfte ja dies- und jenseits von Flüssen und Gewässern ein deutlicher Sprung in der Niederschlagsstatistik zu sehen sein. Insbesondere, wenn man eine Niederschlagssumme von 30 Tagen nimmt. Und nun schauen Sie sich folgende Abbildung an und sagen Sie mir, ob Sie hier Flüsse oder Seen erkennen, die trockene von nassen Bereichen trennen:

Niederschlag letzte 30 Tage aus Radardaten. Quelle: kachelmannwetter.com
Suchen Sie die Müritz! Oder einen anderes Gewässer! Quelle: kachelmannwetter.com
Zum Vergleich: Karte der Flüsse und Nationalparks in Deutschland von Wikipedia
Zum Vergleich: Karte der Flüsse und Nationalparks in Deutschland von Wikipedia.
Lencer, Karte Nationalparks Deutschland high, CC BY-SA 3.0

Was erkennen Sie nun? Jedenfalls kann man hier kein Gewässer und keine Stadt feststellen, die sich hier deutlich abbildet. Das müsste aber so sein, wenn es auf der einen Seite „immer“ (mildern wir ab auf „öfter“) schüttet, auf der anderen Seite aber „nie“ (bzw. „nicht so oft“).

„JAAAAAA, ABER“, höre ich mir jetzt einen Zweifler aus Beverungen ins Wort fallen, „man sieht aber wohl deutlich, dass die Weser bei uns an der Ländergrenze NRW / Niedersachsen eine Wetterscheide ist!“ – „GENAU“, brüllt ihm sein Tischnachbar dazu, „und die Elbe auch! Nordöstlich davon ist immer weniger Regen als auf der anderen Seite. HA!“ Und sie scheppern ihre Biergläser aneinander, rufen „PROST“ und grinsen überlegen.

Die Psychologie des Lokalpatriotismus

Ohne Frage sieht man hier abschnittsweise eine Diskontinuität an den besagten Stellen und sicherlich auch an vielen anderen. Aber dafür sind nicht die Flüsse verantwortlich, sondern es gibt eine komplexe Vielfalt (Igitt: komplex!) an Erklärungen. Zum Beispiel ist das Mehr an Regen westlich der Weser und das Weniger östlich hiervon durch eine andere „Wetterscheide“ erklärbar, die Sie schon kennen: Gebirge! Denn von Westen her wird die Luft am Weserbergland zum Aufsteigen gezwungen, Schauer und Gewitter können sich so leichter bilden. Auf der Leeseite (= der windabgewandten Seite) ist es dagegen umgekehrt.

Dass so oft die Region nordöstlich der Elbe weniger Regen abbekommt als südwestlich hiervon ist auch wieder einem Gebirge zuzuschreiben, sozusagen das BILLY™ unter den Wetterscheiden: dem Skandinavischen Gebirge. Weit weg und doch effektiv: 1.700 km lang und oft über 2 km hoch hat es immer wieder seinen Einfluss bis zu uns. Herrscht nämlich nördlicher Wind, so setzt sich dieser wetterverschönernde Einfluss von dort bis in die Norddeutsche Tiefebene fort.

Allerdings hat an diesem Effekt die Elbe überhaupt keinen Anteil! Der Elbverlauf liegt nämlich nur häufig zufällig am Rand dieses Einflusses. Dreht der Wind ein bisschen auf Nordwest oder Nordost, so verändert sich der Verlauf dieser „Grenze“ schon wieder. Wenn man also sagt, die Elbe wäre eine Wetterscheide, so könnte man dies genau so gut über die A2 sagen. (Vielleicht sind es ja die vielen Dieselfahrzeuge?) Oder die S-Bahn in München könnte eine Wetterscheide sein, denn südlich hiervon fällt deutlich häufiger Hagel als nördlich hiervon, was wiederum mit den Alpen zu tun hat.

Sie sehen schon, es ist unser Gehirn, das uns hier Zusammenhänge vorgaukelt, die es gar nicht gibt. Wetterereignisse, die auf der einen Seite einer geografischen Besonderheit etwas häufiger auftreten als auf der anderen, werden gleich mit dieser in Verbindung gebracht. So wird der eigene Ort, der eigene Bach, der See in der eigenen Region zu etwas Besonderem. Man kann sich abheben von dem großen Rest. Ist vielleicht ein Psychologe unter Ihnen? Es wäre interessant, sich Wahrnehmung und Wirklichkeit in Bezug auf das Wetter einmal genauer anzusehen.

Ganz ähnlich gelagert ist damit auch die letzte Wahrnehmung, die sicher bereits viele von Ihnen hatten. Zumindest kennen Sie aber viele Mitmenschen, die Ihnen folgendes schon einmal gesagt haben:

Hier regnet es, dort hagelt es und bei mir ist nichts. Warum ist das so?

„Ja, da steht immer was von Gewittern auf meiner App. Aber das wird eh wieder nichts. Die ziehen nämlich immer da hinten lang, zwischen Pusemuckelshausen und Kleinkleckersdorf. Aber bei uns kommt eh nie was runter!“ – Kennen Sie, oder? Und wissen Sie was? Ich werde Ihnen jetzt zeigen, warum die in Pusemuckelshausen das Gleiche über Ihren Ort Dingsbumskirchen erzählen. Und ebenso überzeugt davon sind wie Sie!

Denn auch hier geht es wieder um subjektive Wahrnehmung. Eine, die ich in diesem Fall sogar nachvollziehen kann. Denn an so vielen Tagen, an denen einzelne Schauer oder Gewitter auftreten, hat man den Eindruck, dass es überall in der Umgebung schüttet oder hagelt, nur bei einem selbst nicht. Aber warum? Dazu die folgende Skizze:


Zur subjektiven Empfindung, dass die Gewitter immer woanders sind. Die Kreise entsprechen der Sichtweite am jeweiligen Ort, der mit einem „x“ markiert wurde. Dazu die Niederschlagssumme an einem typischen Schauer- und Gewittertag 02.06.2018, 10:50 Uhr bis 16:50 Uhr MESZ. Quelle: kachelmannwetter.com

Eine kleine Geschichte

Die Kreise in der obigen Abbildungen stellen die Sichtweite am jeweiligen Ort dar. Sie in Dingsbumskirchen können also bis nach Malchow und bis kurz vor Strasburg in der Uckermark sehen. Und egal, ob Sie nach links oder rechts sehen, überall zucken Blitze über den Himmel, und es ist ab und zu ein Donner zu hören. Aber bei Ihnen nicht! Und dann blicken Sie in die Richtung, wo Sie Pusemuckelhausen  wähnen. „Na klar, da schüttet es auch wieder, nur bei mir nicht“, denken Sie sich und wollen den Gartensprenger nach draußen holen. Zwischendurch fällt Ihr Blick auf Ihr Smartphone, und Sie sehen eine neue WhatsApp Nachricht. Ihr Bekannter aus Kleinkleckersdorf schickt Bilder von einem durchlöcherten Vordach und einer weiß gesprenkelten Terrasse voller Hagelkörner. Sie seufzen und machen sich auf dem Weg zu Ihrem Geräteschuppen.

Währenddessen seufzt es auch in Pusemuckelshausen. Dort sitzt Ihr Bekannter auf einer Bank und sieht im Südwesten mächtige Wolkentürme und Blitze zucken. „Na klar“, denkt dieser sich, „bei denen in Dingsbumskirchen schüttet es auch wieder, nur bei mir nicht“. Er wollte gerade den Gartensprenger nach draußen holen, als ihn eine WhatsApp aus Kleinkleckersdorf erreicht …

Sie erkennen die optische Täuschung?

Wir können festhalten:

Fazit: An Sommertagen mit ihren typischen, lokal begrenzten Wärmegewittern sieht jeder immer alle Gewitter in seinem Gesichtskreis. Der eigene Standort ist aber nur ein Punkt, und die Wahrscheinlichkeit, dass es an einem beliebigen Punkt trocken bleibt, ist dann oft höher, als dass man einen Volltreffer abbekommt. Darum hat dann jeder Beobachter die Empfindung, die Gewitter würden um ihn herum ziehen.

 

Die größten Unterschiede auf engstem Raum gibt es dabei bei quasi-Windstille, denn dann bleiben die Gewitter (denken Sie an die Luftblasen im Kochtopf) beinahe ortsfest. Und der absaufende Keller kann sich nur wenige Kilometer neben der verdorrten Wiese befinden.

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