Schnee-Chaos und Wetter-Panikmache: DWD-Meteorologe kritisiert

Nov 25, 2008 @ 03:17 pm by Frank Wettert

Kein KyrillGuten Tag,

aus aktuellem Anlass ein Nachtrag zu meinem Schnee-Chaos Posting, bei dem ich bereits im Vorfeld das Geschrei der Meteorologen über das kommende Winter-Wetter, insbesondere des DWD-Meteorologen Andreas Friedrich zu bremsen versucht hatte. Angesichts des (zugegeben markanten) Wintereinbruchs posaunte er am Mittwoch vergangener Woche vom “spektakulärsten Wetterereignis seit Orkan Kyrill“. Nun ist hierzu eine hervorragende Kolumne erschienen.

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Wo war die Apokalypse?
Er als Meteorologe hätte wissen müssen, dass gerade bei Wettervorhersagen die Wahrheit ziemlich bald zwingend auf den Tisch kommt. Nun ist er also da, der Winter. Aber seien wir ehrlich: Viel mit Kyrill hatte der Schnee nun wahrlich nicht zu tun. Oder sind reihenweise Hauswände eingestürzt?

Dass Ende November Schnee auftritt, sollte man nun wahrlich nicht als Katastrophe darstellen. Auch nicht, wenn dazu Sturmböen toben. Klar war und ist die Wetterlage nicht so, dass man mit seinem Ferrari auf Slick-Reifen mit 300 km/h eine Serpentine herunterbrettern kann. Wer aber gut ausgerüstet ist und sich angepasst verhält, der hat zumindest keinen Weltuntergang zu befürchten.

Von Katastrophenmeldungen und Stilblüten
Außerdem sollte ein Meteorologe, der regelmäßig in Kontakt mit den Medien steht, wissen, dass derart pfeffrige Äußerungen eine Eigendynamik entwickeln, die nicht mehr zu bremsen ist. Grotesk bis albern wurde es, als ich am Donnerstagabend in einem Kaufhaus hörte, dass “über Grönland bereits -51°C” gemessen wurden. Ich musste hinter meinem Einkaufskorb spontan grinsen. Ja, -51°C. Aber in 5 km Höhe…aber wen interessieren schon Details?

Kolumne ans Herz gelegt
Darum begrüße ich die so scharf aufgemachte Kolumne im ef-magazin von Alexander Kissler, Kulturjournalist bei der Süddeutschen Zeitung und der FAZ. Ein paar Appetithäppchen möchte ich Ihnen bereits mitgeben:

[...]Geschehen ist dann: wenig mehr als Nichts. Es schneite, es wurde plötzlich recht kalt, hie und da verspäteten sich Züge, manches Auto soll gescheut haben. Von Massenkarambolagen war nichts zu hören, niemand starb des Wetters wegen, kein Landstrich musste evakuiert werden. Andreas Friedrich hat sich in diesem Fall als denkbar miserabler Prophet erwiesen. Die annoncierten „Pauken und Trompeten“ schlugen kammermusikalische Töne an[...]

[...]Um gegen die Konkurrenz, namentlich den umtriebigen Schweizer Wetterfrosch und Anzugbeau Kachelmann zu punkten, erscheint der Griff ins Grelle offenbar geboten. Winter war gestern, Weltuntergang ist heute, lautet die Parole[...]

Huldigen sollte man diesen Kolumnenbeitrag. Viel zu versteckt, wie alle leisen Töne, kauert er in den Tiefen der Medienlandschaft. Darum möchte ich Ihnen dieses Werk, das mir aus der Seele spricht, gerne näher ans Herz legen:

Wettervorhersage: Unser kleiner täglicher Weltuntergang

9 Kommentare »

  1. Wird ja eh immer derartig übetrieben! So sind die Medien! Entweder peitschen Sie Themen derart hoch oder SIe verschweigen uns Lesern die Hälfte!

    Kommentar by Pol — 25. November 2008 @ 15:31

  2. Das Ganze ist nur ein PR-Fehler, wenn man der “Globalen Erkältung™” eine ähnlich religiöse Aura wie der “Globalen Erwärmung™” zusprechen würde, medienwirksam natürlich, dann würden sich die Ketzer in beiden Richtungen nicht mehr trauen, etwas zu veröffentlichen.

    Nur so ein Gedanke. ;)

    Kommentar by Erik — 26. November 2008 @ 8:18

  3. Spektakulär ist es wohl gewesen! Immerhin haben wir rund um Freising (Bayern) jetzt schon mehr Schnee (ca. 2 cm) als im gesamten letzten Winter. ;)

    Was aber mit jeder einzelnen Schneeflocke schon zu toppen war.

    Kommentar by Daniel Weigelt — 26. November 2008 @ 10:37

  4. Ich beobachte an mir, dass jede Übertreibung genau das Gegenteil auslöst:ich glaube davon gar nichts mehr. Völlig egal welches Thema.

    Also all die marktschreierischen Titeln lösen bei mir ein ” ah schon wieder auf Leserfang ” aus und nicht mehr.

    Selbst wenn der Inhalt stimmte, glaub ich es nicht mehr.

    Und klar: Ende November ist Schnee in Alpenländer ein absolutes Novum!

    :-)

    Kommentar by Monika — 26. November 2008 @ 10:59

  5. Monika, Du hast völlig Recht,

    und das ist genau das Problem am übertriebenen Warnen: die “echten” Warnungen werden einfach nicht mehr wahrgenommen bei so viel Getöse. Gerade darum sollte man sich auch zurückhalten, wenn man sich nicht sicher ist.

    Mein Eindruck ist, dass der DWD seit Orkan Lothar so viel Kritik hat einstecken müssen, dass er nun lieber “überwarnt”. Mag aber auch rein subjektiv sein. Vielleicht ist Andreas Friedrich auch fehlinterpretiert worden. Man braucht eben Erfahrung im Umgang mit den Medien, es kann auf jedes Wort ankommen…

    Kommentar by Frank Wettert — 26. November 2008 @ 21:02

  6. Herr Friedrich hat sich allerdings (im WZ-Forum) für seine Ausdrucksweise entschuldigt, dafür gebührt ihm höchsten Respekt.

    Gruß,Felix

    Kommentar by Felix Welzenbach — 1. Dezember 2008 @ 23:39

  7. Hallo Felix,

    absolut. Ich glaube auch eher, dass es Unachtsamkeit war und Nichtwissen, was für eine Dynamik so eine Aussage in der Medienwelt entwickeln kann (ist ja nicht so, dass mir das in abgeschwächter Form auch schon passiert wäre).

    Gruß zurück,

    Frank.

    Kommentar by Frank Wettert — 2. Dezember 2008 @ 6:21

  8. @ Frank: Denke auch, dass der DWD eher eine Vorsichtsschiene fährt. Ist doch klar nach der ganze Kritik. Selbst die Bundesregerung hatte sich da eingemischt und das System kritisiert. Da würde ich nun auch eher übervorsichtig reagieren.

    Kommentar by Gregor — 7. April 2009 @ 20:17

  9. [...] ein Großunfall auf der Autobahn oder im Chemiewerk, Sportereignisse, das nächste “Schneechaos“… you name it. Aber wenn ein solches Ereignis da ist, ist es zu spät zum Üben: Da [...]

    Pingback by Kleine Kuratierschau: Wordpress statt Storify? und: Grundsatzfrage als Modefrage at Jan Eggers — 9. September 2011 @ 10:30

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