Klimawandel – witterungsabhängig?
Klima. Definitionsgemäß bezeichnet Klima die Statistik über die Gesamtheit aller Wettererscheinungen an einem Ort und über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Wetter ist also eine Augenblickserscheinung, Klima dagegen ein statistisch ermittelter Zustand.
Auf Grund meiner täglichen Arbeit hat sich nun in meinen Synapsen eine Verlinkung dahingehend gebildet, dass ich jeden Gedankengang gleich auf Medien anwende. Vielleicht ließe sich analog da auch so ein Begriff einführen: Meinungsklima als statistisch ermittelter Zustand von Meinungsbildung (dies sei dann die Meinungswitterung). Und dieses Meinungsklima möchte ich heute untersuchen, denn nach dem enormen Gegensatz der Winter 2005/2006 und 2006/2007 ist es interessant sich zu fragen: sind wir überhaupt fähig, mit dem aktuellen Wetter um uns herum unvoreingenommen auf die Klimaentwicklung zu schauen? Oder lassen wir uns von der (meteorologischen) Witterung beeinflussen?
1) Klimawandel aus der Sicht des kalten, schneereichen Winters 2005/2006
Gehen wir erstmal nicht näher auf die Boulevard-Presse ein. Dass in dieser nur Schlagzeilen stehen, die in der Kneipe um die Ecke ein Aufregerthema darstellen, ist keine neue Erkenntnis. Beginnen wir aber mit einem Artikel, der in der FAZ.net zu lesen ist:
Erstellungsdatum: 05. Dezember 2005 mit dem bemerkenswerten Einleitungssatz: Die Botschaft paßte hervorragend zum Schneechaos vom vergangenen Wochenende.
Zusammenfassung: Britische Forscher haben den Golfstrom untersucht und Ergebnisse im Magazin Nature veröffentlicht. Dabei wurde gemessen, dass sich die Rückströmung des kalten Tiefenwassers halbiert hat. Befürchtet wird nun ein Versiegen des Golfstroms. Begleitartikel von Wissenschaftlern der Uni Hamburg wurde veröffentlicht, das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung geht bei dem Szenario mit seinen Modellberechnungen von einem Anstieg der Meeresspiegel um bis zu einem Meter an den Nordatlantikküsten aus. Es werde in Europa “nicht kälter, aber nasser”.
In der Berliner Zeitung erschien:
Erstellungsdatum: 02. März 2006. Wir versetzen uns in die Situation dieses Winters: ständig Schnee, ständig Kälte. Die Leute hatten keine Lust mehr auf Winter (was ich aus eigener Erfahrung sagen kann, denn auch die von uns betreuten Winterdienste konnten sich mehr oder weniger auf ihren eigenen Augenringen schlafen legen. Wenn sie Zeit dafür gehabt hätten). Passend in diese Stimmung platzt dieser Beitrag.
Zusammenfassung: Meteorologen im Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Potsdam stellten eine Veränderung der Nordatlantischen Oszillation fest. Demnach sollen die Islandtiefs tendenziell schwächer werden und die Skandinavien- bzw. Russlandshoch kräftiger. Folge: lange, kalte Perioden und Schnee, der monatelang liegen bleibt. Also genau so, wie der Winter 2005/2006. Ist der Winter also ein “Trendsetter”?
2) Klimawandel aus der Sicht der rekord-warmen, schneearmen Winters 2006/2007
Wir sind nun ein Jahr weiter. Es wurden weitere Forschungen gemacht, neue Erkenntnisse gesammelt. Man darf jedoch erwarten, dass eine gewisse logische Grundtendenz weiter existiert. Denn was nutzen Forschungsergebnisse mit einem Verfallsdatum von 12 Monaten? Gleichzeitig kennen wir alle die Witterung dieses Winters: Rekordwärme, viel zu schneearm. Dazu passend dieser Bericht des Berliner Tagesspiegels:
Erstellungsdatum: 16. März 2007.
Zusammenfassung: Langzeitmessungen (10 Jahre. Ob das wirklich eine genügend lange Messreihe ist, sei dahingestellt) des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften IFM-Geomar haben keinen signifikanten Trend bei der Stärke des Golfstroms gezeigt. Und: Eine Eiszeit muss Europa nicht befürchten. Vorerst jedenfalls nicht. (Wie wir weiter unten sehen werden, würde ein Ausbleiben des Golfstroms so etwas ohnehin nicht hervorrufen)
Wer es deftiger mag, der surft zu Spiegel Online (ein bisschen Yellow-Press muss sein):
Erstellungsdatum: 02. Februar 2007
Zusammenfassung: spare ich mir, da ja anklickbar und vor allem täglich in Presse, Radio und Fernsehen. Ebenso wie der Hype, der durch den UN-Klimabericht verursacht wurde. Und meines Erachtens wird ein wesentlicher Teil dieses unerwartet bombastischen Medien-Interesses durch den vergangenen Rekordwärme-Winter verursacht.
FAZIT: Gut, dass wir verglichen haben
Das Ergebnis ist aus intuitiver Sicht wenig überraschend: es kommen nur diejenigen Meldungen nach vorne, die auch Nutzen aus der aktuellen öffentlichen Stimmung ziehen können. Oder anders gesagt: es lässt sich nur die wissenschaftliche Meinung verkaufen, die entweder gehört werden will oder genug schockiert. Plastisch wird dies am Beispiel des Golfstroms: so lange bei einer Untersuchung einer 10-jährigen Messreihe in einem Jahr das Ergebnis “Abschwächung” und im nächsten “keine Abschwächung” lautet, droht die öffentliche Diskussion darüber lächerlich zu werden. Meine These: die Witterung beeinflusst in entscheidendem Maße auch die Wahrnehmung der Forschungsergebnisse, die in Medien und wissenschaftlichen Abhandlungen erscheinen. Daher gibt für einen Großteil von uns keine Möglichkeit, sich ein unvoreingenommenes Bild zu machen. Das Idealbild der rein analytischen Wissenschaft ist daher gerade auf dem Klimasektor eine Mär. Denn genauso wie in den Nachrichtenagenturen wird schon ein Schritt zuvor bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten nur diejenige beachtet, die die meisten Gemüter bewegt.
Kommen wir zurück auf die oben aufgestellte Analogie Klima-Wetter / Meinungsklima-Meinungswitterung, so kann man vermuten, dass das Meinungsklima über das Thema Klimawandel “normal” ausfallen dürfte. Denn je nach Temperatur-Anomalie einer Saison gleitet die Meinungswitterung in Richtung Hitze- oder Kältekatastrophe. Apropos Kältekatastrophe: eine grandiose Website für von öffentlicher Medienverzerrung kontaminierte Mitmenschen ist “Die Eiszeit kommt!”, eine Hilfestellungs-Seite für Journalisten und andere verwirrte Zeitungsleser von Stefan Rahmstorf aus dem PIK (übrigens schon vom Februar 1999! Dazu noch eine Bemerkung: wenn Sie halbwegs von dem öffentlichen Diskurs vernünftige Fakten haben möchten, dann gehen Sie hier auf Stefan Rahmstorfs Seite)
Es zeigt sich durch das Alter der Hilfestellungs-Seite, dass auch die Änderung der Meinungswitterung in Bezug auf Klimawandel kein neues Phänomen ist, genauso wie immer von neuem von den Medien aufgestellte Missverständnisse über Folgen des Klimawandels.
Interessant ist dabei natürlich auch die Frage, was passieren würde, wenn bald nur ein oder zwei durchschnittlich temperierte Jahre auf uns zukämen. Voraussichtlich würde sich auch die Klimawandeldiskussion und der CO2-Emissions-Poker ins Nichts auflösen. Es wäre ja dann kein Aufregerthema mehr. Vielleicht ist es daher ganz gut, dass die letzten Monate so warm ausgefallen sind…

Der sehr warme Winter hat bei vielen Menschen ein Interesse an den Ursachen dieses Wetterphänomens (im Moment ist es das noch) geweckt.
Genauso gut hätten es der Hitze-Sommer 2003, Kyrill, etc. sein können.
Und ich halte es für keinen Zufall, dass dieser sehr warme Winter und die ersten wirklich stichhaltigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Klimawandel gleichzeitig eintreffen.
Ich kann den Zusammenhang zwischen medialer Aufmerksamkeit und Ereignissen in der Politik und Natur untersuchen. Dazu habe ich ein Tool entwickelt, den KlimaCounter
Erste detailierte Ergebnisse und weitere Infos:
http://blog.jedentageinbild.de/?p=50
Im Artikel befindet sich ein Link zu den Ergebnissen vom März
Das, was du sehr gut Meinungswitterung nennst, wird auch direkt durch Ergebnisse aus Forschung und Politik verändert.
Wenn also nun verstärkt über den Klimawandel diskutiert wird, dann doch auch weil die Wissenschaft ihre ziemlich dramatischen Prognosen veröffentlicht, weil wir langsam verstehen welchen Einfluß der Mensch auf die Natur wirklich hat und weil die Politik nun endlich(!) beginnt zu handeln.
Das Ganze ist ein Kreislauf, je mehr wir verstehen was mit dem Klima passiert, umso stärker nehmen wir die Veränderungen war und umso stärker verändert sich dieses auch.
Ein Aufregerthema wird es meiner Meinung nach erst einmal bleiben.
Dafür wird die Witterung sorgen.
Kommentar by Sebastian — 2. April 2007 @ 9:02
[...] der Medien schafft, durch Angst und Schrecken wissenschaftliche Erkenntnisse zu selektieren (was, wie ich schon schrieb, menschlich durchaus nachvollziehbar ist), wieso versuche ich dann nicht, den Spiegel vor dieses [...]
Pingback by Frank Wettert » Klimawandel! Globale Erwärmung! (1) — 3. April 2007 @ 0:03
Die Farbkodierung ist so gewählt dass der höchste Wert (egal ob bloße Zählung oder Wertung der Gesamtnachrichten) rot, der kleinste Grün dargestellt ist.
Die Höhe des Charts habe ich also einfach nur nochmal in Farben umgerechnet, damit man schneller die Ups- und Downs trennen kann
Ich habe das jetzt auch mit in die Beschreibung der Ergebnisse eingefügt, danke.
grtz
Sebastian
Kommentar by Sebastian — 3. April 2007 @ 7:05
[...] nebenan wahr werden lassen, als dass sie Inhalte sinngemäß wiedergeben. Meine Vermutung, dass der Klimawandel witterungsabhängig ist, hat wieder neues Futter [...]
Pingback by Frank Wettert » Klimawandel: globale Hysterisierung — 25. April 2007 @ 9:21
Genau meine Meinung. Der extrem warme Winter hat (zeitweilig) das Interesse der Öffentlichkeit am Klimawandel geweckt. Wenn der kommende Winter wieder “normal” ausfällt, wird es schnell erlahmen.
Kommentar by Gerhard — 30. April 2007 @ 1:42
[...] hat das Trend-Thema Klimawandel nun bewirkt? Etwas, was wir sehr gut können: Angst [...]
Pingback by Globale Erwärmung macht soviel Angst wie Arbeitslosigkeit » Frank Wettert — 8. Juni 2007 @ 9:02
[...] Klimawandel – witterungsabhängig? [...]
Pingback by “Live Earth”: 7 Mal heucheln für das Klima » Frank Wettert — 7. Juli 2007 @ 13:37
[...] Vermutung, dass das Horrorszenario, was uns in den Medien prophezeit wird, von der Witterung abhängt, [...]
Pingback by Klimawandel: ein bisher unbekannter Vergleich » Frank Wettert — 14. August 2007 @ 9:42
[...] Allerdings gab es schon damals berechtigte Zweifel an dieser Erkenntnis, wie ich in einem damaligen Klimawandel-Posting schon [...]
Pingback by Golfstrom versiegt? Fehlalarm! » Frank Wettert — 27. August 2007 @ 12:15
[...] seine Krone verloren haben könnte, was das Aus für den Berg heißen würde. Frank Abel bei Frank-Wettert.de schreibt darüber, ob der Klimawandel wirklich witterungsabhängig ist oder nicht. [...]
Pingback by Das Aus für den Kilimandscharo? — 3. November 2009 @ 13:19
[...] können wir den schon eingetretenen Klimawandel nicht mehr machen, aber eventuell doch noch stoppen. Es muss nur jeder einzelne selbst etwas [...]
Pingback by Sind Küstenstädte und Inseln bald dem Untergang geweiht? — 8. Dezember 2009 @ 13:54