Glatteis (“Blitzeis”) – Mein extremster Rosenmontag (2. März 1987 in Paderborn)

Dez 22, 2009 @ 03:18 pm by Frank Wettert

Heute muss ich mal persönlich werden. Denn immer, wenn ich wie heute etwas von Glatteis sehe oder davor warne, dann muss ich immer an einen denkwürdigen Rosenmontag in Paderborn denken, damals, als ich noch Gymnasiast war. Darum habe ich heute recherchiert und habe herausgefunden, wann dieses denkwürdige Ereignis stattgefunden hat: 2. März 1987, es war Rosenmontag.

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Ich erinnere mich noch gut, wie ich versuchte, mich damals den Stadtring entlang zu quälen. Warum ich dort war, weiß ich allerdings nicht so genau, könnte sein, dass ich in Richtung Schule wollte. Jedenfalls habe ich diese Szene vor Augen, wie ich hier am Busdorfwall weiter nordostwärts wanderte und über mir die Bäume knacken hörte, die wirklich zentimeterdick mit Eis bedeckt waren. Überall fielen größere Äste herab, die das Gewicht nicht mehr halten konnten. Bewegen konnte ich mich auf der Eisfläche namens Fußgängerweg kaum, nach wenigen Metern rutschte und fiel man.

Betroffen von Eisregen war an diesem Tag ein Streifen von Nordwest nach Südost vom Emsland bis nach Bayern, wobei Ostwestfalen-Lippe und das Osnabrücker Land die extremsten Auswirkungen zu spüren bekamen. Sie wissen, ich bin eher sparsam mit derartigen Ausdrücken, aber diesen Eisregen kann man in der Tat für Paderborn als Jahrhundert-Ereignis. Hier ein paar Bilder:


Danke an Ostwestfale für die Bereitstellung der Fotos

 

Was passierte sonst noch?

  • Im Paderborner Land knickten 35 Hochspannungsmasten unter der Eislast um.
  • In Nordrhein-Westfalen gab es insgesamt 70 Mio. DM Schaden, vor allem durch Wind- und Eisbruch an den Bäumen, an Stromleitungen sowie an Gebäuden, vor allem in Ostwestfalen-Lippe.
  • Im Binnenland treten orkanartige Böen auf (104-118 km/h). Im Sauerland fallen zahlreichen Bäume um, die Zugverbindungen wurden gestört.
  • Im Emsland und in Oldenburg bleiben die Schulen geschlossen.
  • Die Autobahnen Köln-Bremen und Hannover-Osnabrück werden teilweise überflutet und müssen gesperrt werden.
  • Flüsse treten über die Ufer, vor allem im Rhein-Main-Gebiet wird die Schifffahrt beeinträchtigt.

Wie kam es zu dieser Wetterlage?
Derartig extremer Eisregen kann nur an der Grenzfläche zweier sehr unterschiedlicher Luftmassen entstehen. Die zwei Gegenspieler heißen subtropische Meeresluft von Südwesten und sibirische Luft aus der Arktis von Nordosten. Die subtropische Meeresluft wurde dabei von einem Tief herangebracht, das in diesem Grenzbereich entstand und von England zur südlichen Nordsee gezogen ist. Auf der anderen Seite sorgte ein Hoch über Skandinavien für die extreme Kaltluft. Dabei stellte sich eine seltene und extreme Grenzwetterlage ein. In einer (ungestörten) Höhe von rund 1,5 km gab es über Ostengland +10°C, im Baltikum dagegen teilweise -25°C! Solch ein Temperaturunterschied über knapp 600 km kommt enorm selten vor.

Im Verlauf des 2. März 1987 setzte sich dann die Kaltluft ostwärts in Bewegung und schob sich quasi unter die Warmluft:

Eisregen 1987 in Paderborn
Bodendruck, Geopotenzial 500 hPa (daraus ist der Luftdruck in der Höhe ableitbar) und Luftmassenkennzeichnung am 2. März 1987. Quelle: Wetterzentrale, Dank an syringa.

Wie so etwas dann aussieht, kann man schön am Radiosondenaufstieg von Schleswig erkennen. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Niederschläge. Man achte aber auf den extremen Temperaturabfall in den unteren Luftschichten. Hier schiebt sich die kalte Luft wie zäher Honig unter die leichtere warme Luft. Daneben ein Radiosondenaufstieg aus Essen:


Radiosondenaufstiege vom 02.03.1987. Links erreicht die kalte Luft am Boden Schleswig, rechts ist sie in Essen noch nicht angekommen. Quelle: University Of Wyoming

Über Ostwestfalen blieb dann die Luftmassengrenze über mehrere Stunden erhalten. Hier waren alle Gesamtzutaten perfekt gemischt: Das Verhältnis von trocken-kalter Luft am Boden und feucht-milder in der Höhe war ideal ausgeglichen. Dies führte dazu, dass bei -2°C und frischem Ostwind mit stürmischen Böen über Stunden 20 mm Regen fielen. Denn der Schnee aus der Höhe schmolz in gut 1 km Höhe und fiel so in die kalten unteren Luftschichten (hier gibt es eine Erklärung zum Thema Eisregen). Der Wind sorgte zusätzlich für die schnelle Eisbildung. Die Luftmassengrenze sieht man auch sehr gut an den Wetterstationsmeldungen von diesem Datum:

Eisregen 1987 in Paderborn
Wetterstationsmeldungen für Deutschland am 2. März 1987 (bitte anklicken). Quelle: Wetterzentrale, Dank an syringa.

So etwas zu erleben ist unglaublich. Allein die Tatsache, wie detailliert diese Szenerie jetzt noch vor meinen Augen ist nach fast 23 Jahren zeigt, wie imposant die bizarre Landschaft und die knackenden Bäume auf mich gewirkt haben müssen. Ich kann mich erinnern, dass ich nicht einen Meter laufen konnte. Wie unmöglich muss dann erst das Autofahren gewesen sein! Ich wollte Sie ein bisschen daran teil haben lassen.

» Mehr zum Eisregen am 2. März 1987 hier ab S. 21 ff. (PDF)

4 Kommentare »

  1. Hallo Frank,
    deine Wurzeln aus OWL , freuen mich, zumal ich heute am Rande meiner Berufstätigkeit mit dem Scheeräumdienst in Paderborn zu tuen habe.
    Den Winter 1987 erlebte ich in Osnabrück, wahrend des Studiums.
    Kleine Geschichte am Rande.
    Das Gewicht des Eises bedeckte die Bäume so schwer, dass sie sich bogen oder wenn sie nicht sicher standen, umkippten.
    Eine Buchenalle am Rande eines Grabens, führte strakts zu einem Bauernhaus. Die Bewohner wurden von dumpfen Geräuschen in der Nacht geweckt. Sie flohen aus dem Haus.
    Baum für Baum an dem Graben, allesamt große Buchen, kippten um, alle zum Graben hin. Das Haus stand neben dem Graben, genau in der Fallrichtung.
    Die ganze Allee ist in der Nacht umgekippt, erst zwei Bäume vor dem Haus, hörte die Serie auf. ( Wahrscheinlich war der Graben dort enger)
    Am nächsten Morgen war das ein sehr gruseliges Bild, aber ohne Schaden für die Menschen und das Haus.
    Mit Grüßen

    Kommentar by Sven — 28. Dezember 2009 @ 23:31

  2. Hallo Frank,
    jetzt zeichnet sich ja wieder so eine ähnliche Wetterlage ab.
    Kollegen von Dir sprechen wieder über Kältemonster und Ausnahmezustand.
    Bei uns im Südwesten passiert mal wieder gar nix. Kann man sagen, dass diese Verteilung “Norden -Kalt und Süden – Warm” den ganzen WInter bestehen bleibt ? Oder könnten sich die Verhältnisse nochmal ordnen und der eher kältere Süden bekäm mal Schnee?

    Kommentar by Martin — 29. Dezember 2009 @ 20:23

  3. Diese Bildern erinnern mich stark an einen Winter vor vielen Jahren, als ich noch meine Ferienwohnung Berlin Kreuzberg hatte, da hat ein Eisregen auch mal ein paar Häuser so zugerichtet. Ob das seitdem nochmal vorgekommen ist, kann ich nicht sagen, aber vergessen werde ich das nie wieder.

    Kommentar by Martina Krampp — 5. Januar 2010 @ 20:30

  4. Hallo zusammen und vielen Dank für die spannenden Geschichten. In der Tat gab es besonders im Raum Minden-Lübbecke vor ein paar Tagen ein ähnliches Spektakel mit ähnlichen Bildern, die ich von einem Kollegen gesehen habe.

    Aber viel wichtiger die Frage von Martin: Jetzt sieht es ja danach aus, dass auch der Süden am Wochenende mal Schnee bekommt. Der Winter wird schon fast überall einziehen und auch länger bleiben, das ist derzeit die wahrscheinlichste Entwicklung.

    Verschneite Grüße
    Frank

    Kommentar by Frank Wettert — 6. Januar 2010 @ 6:39

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