Das Geheimnis hinter “Wonnemonat” und “Schlechtelaunemonat”

Jun 19, 2007 @ 05:01 am by Frank Wettert
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Mai, Juni,Juli, August: Wonne- und Wohlfühlmonat?

“Ich brauche einfach den Sommer! Ab 30 Grad fühl’ ich mich echt cool!”

So tönte es weiblich trällernd an der Bushaltestelle vor der weißen Hauswand. Der weißen Hauswand, auf der diesen Nachmittag die Sonne knallte. Nicht nur auf die, auf die gegenüberliegende weiße Hauswand knallte sie auch. Weiß, weiß. Und heiß. Ich frage mich, ob alles, was ich nicht mag, mit -eiß endet. Ach nein, da war ja noch die Straße, die war schwarz. Und weil sie schwarz war, schlug mir von unten Backofenhitze entgegen an diesem Tag im Extremsommer 2003 in Bonn, wenn man nach oben sah, konnte man trotz Sonnenbrille nur blinzeln. Minuten wurden zu Stunden, während mein hellblaues T-Shirt nach und nach seine Appetitlichkeit an meinen Schweiß (schon wieder -eiß!) abgab.

Mir ist nach wie vor nicht klar, wie jemand schwül-heiße 30 Grad und mehr als angenehm empfinden kann. Für mich sind solche Temperaturen der blanke Horror, die Laune wurde schlechter und schlechter. Wie kann so etwas noch grausamer enden?

Schulbus-Kinder von Ed FladungDurch die anschließende Fahrt in einem Bus, in dem vorher mutmaßlich 4 Schulklassen ungefönt aus dem Schwimmunterricht nach Hause gekarrt worden waren: beschlagene Scheiben bei schätzungsweise 45 Grad, geruchsdurchsetzt mit aufgeheiztem 70er-Jahre Plastiklederimitat, der in froschgrün von den Sitzbänken speckig leuchtet.

Der Sommer macht gute Laune? An diesem Tag kam es mir nicht so vor. Bei mir müssen 15 bis 16 Grad gemessen werden, die Luft soll erfrischend sein wie ein Glas kalten Wassers bei Nachdurst. Dazu ein Sonne-Wolken-Mix am Himmel bei klarer Sicht: für Wetterleute: Rückseitenwetter sollte herrschen.Dann blüht meine Laune auf wie bei einem Kind im Disneyland. Mit anderen Worten: in diesem Dezember oder Januar war meine Laune häufig deutlich besser als an schwül-heißen Sommertagen. Bei mir ist es also genau anders herum als man landläufig behauptet. Grund genug, sich einmal darüber zu informieren, was die Wissenschaft dazu sagt: gibt es so etwas überhaupt, einen Wonnemonat Mai und einen Schlechtelaunemonat November oder Januar?

Was sagt die Wissenschaft?

Ja und nein. Es kommt nur drauf an, wen man fragt. Gängige Meinung ist, dass der Lichteinfall auf unsere Netzhaut einen wesentlichen Anteil auf unseren Hormonhaushalt hat. Insbesondere das Hormon Melatonin, ein Schlafhormon, sorgt in den eher kerzen- als sonnenbeschienenen Monaten November bis Februar für Abgeschlagenheit und geringe Leistungsfähigkeit. Außerdem sorgt zu wenig Serotonin für schlechtere Laune und den Heißhunger auf Süßigkeiten, denn dadurch wird die Serotonin-Produktion wieder angekurbelt.

Frühlingsgefühle: Alles nur Einbildung?

Frühlingsgefühle: Alles nur Einbildung?

Das Gegenteil sorgt im Frühjahr und Sommer dafür, dass wir uns wieder fitter fühlen und den Drang verspüren, uns vermehren zu wollen. Dies ist laut Günter Stalla, Hormonforscher am Max-Planck-Institut in München, noch ein Überbleibsel aus der Evolution: der angreifbare Nachwuchs soll bitte auch in die Welt geworfen werden, wenn das Nahrungsangebot am größten ist, so seine Aussage bei der ARD-Sendung W wie Wissen. Ich persönlich habe mit dieser Aussage Probleme. Denn wenn ein Kind im März oder April gezeugt wird, so käme es ja etwa im Dezember oder Januar zur Welt. So ein richtig bombastisches Nahrungsangebot kann ich dort nicht entdecken.

Jedenfalls soll es einige Patienten geben, die an der saisonal abhängigen Depression mit der intuitiven Abkürzung SAD, also der Winterdepression leiden sollen. Diese ist unter den Depressionskrankheiten aber eher ein kleiner Vertreter. Viel häufiger ist laut netdoktor.de die abgeschwächte Form, die ich auch vom Namen her viel lieber mag: der Winter Blues.

Alles Quatsch?

Die Gegenstimmen sind nicht zu überhören: der Freiburger Hormon-Experte Martin Reincke behauptet, dass die jahresbedingte Hormonsteuerung am Stopp-Schild der Zivilisation steht. So etwas wie Wonnemonat oder Schlechtlaunemonat: alles nur Einbildung. Durch reichlich Beleuchtung im Winter, durch warme Zimmer und bei der Frau nicht zuletzt durch die Pille kann man bei den Hormonen kaum noch einen Jahresgang ausmachen. Eskimo: Bild von Eliazar Parra CardenasEs sei denn, wir wären Eskimos, und ich befürchte, dass recht wenige meiner Leser aus dieser Region stammen.

Dass wir im Frühling also mehr Lust auf Sex bekommen, liegt lediglich an den erhöhten Reizen, die durch die körperbetonte und leichte Bekleidung auf unsere Synapsen einhämmert.

Fazit

Ich kann mich aus persönlicher Erfahrung sehr gut mit der Meinung von Herrn Reincke anfreunden. Es ist aber nicht nur meine gute Laune im Winter, die dafür spricht, sondern auch mein Gefühl dafür, wie sich der gemeine Deutsche verhält: wenn man zu viel lacht, ist etwas nicht in Ordnung. Fühlt man sich schlecht, wird es zelebriert, bis man sich noch schlechter fühlt. Um sich selbst und der Welt zu zeigen, wie gar schlecht es einem doch geht, muss ein Fachmann bestätigen. Also führt der Weg unmittelbar zum Psychologen.

Ich gehe jetzt jedenfalls in die freie Natur und freue mich über die 26 Grad, die wir heute in Berlin erwarten können. Damit kann ich mich noch gut anfreunden, und vielleicht hat sogar das Hüppelmäuschen von der Bushaltestelle nichts dagegen. Sollte mich aber so ein Exemplar morgen Nachmittag bei 30 Grad mit seiner Gutelaun-itis anzustecken versuchen, so werde ich auf mein Recht auf schlechte Laune pochen, mich aber insgeheim auf den kommenden Januar freuen…

 

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